Monday, October 24, 2005

Besuch in der Waldschule St. Gallen
VS Welt erleben und entdecken mit M. Obendrauf
18. Oktober 2005



A) Unsere Erlebnisse im Wald mit Eva Helg


1) Begrüssung und Einstieg
Eva Helg begrüsste uns in der Waldlichtung ihres Natur-Schulzimmers. Ohne lange Rede, erhielten wir unseren ersten Auftrag. Auf dem Weg zur nächsten Wegkreuzung suchten wir farbige Herbstblätter. In der Wegkreuzung legten wir diese auf ein grünes Tuch – wir legten ein Mandala.

Im Kreis um dieses Mandala begrüssten wir zusammen nun den Wald. Mit einem wunderschönen Kinderlied besangen wir den Wald - wünschten auch ihm einen guten Morgen.


2) Fotograf und Fotokamera
Je zu zweit spielten wir Fotograf und Fotokamera. Der Fotoapparat wurde vom Fotografen blind an einen Ort im Wald geführt. Der Fotograf richtet den Kopf des Apparates so, dass seine Augen (die Linse der Kamera) auf ein bestimmtes Objekt zielten (Blatt, Boden, Baumstamm, Baumkrone, Käfer etc.). Mit einem leichten Händetipp auf den Kopf löste der Fotograf das Foto aus. Dabei öffnete der Apparat (blinde Person) die Augen und konzentrierte sich auf das vom Fotografen erwünschte Objekt. Mit einem zweiten Händetipp auf den Kopf wurden die Augen (Linse) wieder geschlossen. Weiter gings zu einem weiteren Objektiv.

Es ging darum, die kleinen Dinge im Wald zu entdecken. Sich auf ein Objekt im Wald zu konzentrieren, dieses anzuschauen und auf sich wirken zu lassen.


3) Indianerlied
Es ist Oktober, 7°C und der Nebel rieselte über unseren Köpfen. Dies machte es nicht ganz einfach 14 Schulbankdrücker warm zu halten. Eva nutzte die Situation und zeigte uns ein Bewegungslied, welches uns wieder ein wenig erwärmen sollte. Es erzählt vom Feuer, Regen und vom Wind. Wir verwandelten uns kurzerhand in Indianer und sangen den Regen, das Feuer und den Wind herbei. Nebst dem Gesang machten wir heftige Gestiken, wir formten mit unseren Armen und Beinen den Wind, das Feuer und den Regen.


4) Spür den Baum und mal ihn dir aus
Wiederum zu zweit und einer/eine davon war blind, schlichen wir durch die Bäume. Der Sehende, die Sehende führte den Blinden, die Blinde an einen Baum. Der/die Blinde durfte diesen Baum nun ertasten, seine Rinde fühlen, die Grösse und Dicke des Stammes ertasten. Die Augen immer noch geschlossen, folgte ein kleiner „Irr-Spaziergang“. Danach durfte der/die ErtasterIn die Augen öffnen und sehend den eben erspürten Baum wieder finden. Habe ich den Baum gut erspürt und richtig „ausgemalt“?

5) Bäume erkennen und beschreiben
Jeder von uns erhielt eine Baumart mit Bild und Namen auf den Rücken geklebt. Mit geschicktem Fragenstellen konnten wir herausfinden, welche Art auf unserem Rücken klebt. Es sollten nur „ja-nein-Fragen“ gestellt werden.


6) Eulen und Krähen
Nach diesem eher kopflastigen Spiel fingen unsere Glieder wieder an zu schlottern, was uns zu einem weiteren Wärmespender motivierte. Wir wurden zu Eulen und Krähen. Eine Linie auf dem Waldboden zeigte uns die Grenzen der beiden Vogelarten an. Je die Hälfte der Lerngruppe stand als Eule oder Krähe auf einer Seite der Linie. Eva machte richtige und falsche Aussagen zum Thema Wald, Tiere und Pflanzen. Bei einer richtigen Aussage, flüchteten die Krähen zu ihrem im Voraus bestimmten Baum. Wenn sie auf dem Weg dahin von den Eulen nicht gefangen wurden, durften sie Krähen bleiben. Ansonsten wechselten sie zur Seite der Eulen. Wenn Eva eine falsche Aussage machte, geschah dasselbe in die Gegenrichtung. Die Eulen flüchteten zu ihrem Baum, die Krähen verfolgten und versuchten zu fangen. So veränderte sich die Gruppengrösse laufend, bis sich eine Gruppe ganz auflöste, weil alle gefangen und zur anderen Vogelart geworden sind.


7) Theorieblock
Das Kältezittern wieder vertrieben gingen wir zum Theorieteil über. Eva unterrichtete uns über die Grundsätze und Arbeitsweisen der Waldschule. Sie berichtete von Joseph Cornell, Michael Kalff (weitere Ausführungen siehe Punkt B-E), über ihre Vorbereitungs- und Nachbereitungsarbeit und erzählte von Beispielen aus dem Unterricht mit den Kindern. Speziell erwähnt, hat sie ihre Vor- und Nachbereitungsarbeit. Wo Lehrpersonen in der Zivilisation wohl mehr Zeit in die Vorbereitung stecken, arbeitet Eva intensiver in der Nachbereitung. Der Wald verlangt Spontaneität und Flexibilität. Nur wenig was im Wald geschieht ist planbar. Die Frösche hüpfen über den Weg wenn es ihnen gefällt und nicht wenn sie von der Lehrperson bestellt werden. Solche Ereignisse wecken in den Kindern Interesse und Wissbegierde. Diese sollten nicht ignoriert werden, sondern dazu einladen, das entsprechende Thema so weit wie möglich spontan aufzugreifen.

Nach einer Znünipause erhielten wir eine kleine Führung durch die Infrastruktur der Waldschule. Das Waldsofa wird sehr oft im Regenwetter genutzt, der Schulwagen für Schreib- und Übungsarbeiten zum Pflichtstoff aus Mathematik und Deutsch.


8) Eine weitere wärmende Spielidee
Eva bemalte fünf Bäume mit den Vokalen A,E,I,O,U und teilte uns in zwei Gruppen auf. Sie nannte ein Wort und unsere Aufgabe war es so von Baum zu Baum zu laufen, wie die Vokalen im Wort der Reihe nach vorkommen. Die eine Gruppe lief das Wort vorwärts, die andere lief das Wort rückwärts ab.


9) Fuchsjagd
Im Kreis stehend, wurde ein Fuchs, ein Schaf, eine Gans und eine Ziege bestimmt. Der Fuchs erhielt eine Augenbinde, die anderen 3 Tiere banden sich verschieden klingende Glocken um den Fuss. Die vier Tiere begaben sich in unseren Kreis. Der blinde Fuchs muss nun versuchen die Tiere zu jagen (zu fangen) indem er auf die Glocken hört und sie ortet. Die Kinder (bzw. Studenten/Studentinnen) im Kreis achten darauf, dass die Tiere nicht aus dem Kreis ausbrechen (Einschränkung des Jagd- und Fluchtraumes) und sie beobachten das Jagdverhalten des Fuchses. Springt er wild drauflos und setzt auf seine Geschwindigkeit? Oder setzt er auf sein Gehör, ortet das Tier und bespringt es dann?


B) Wie arbeitet die Waldschule?

Die Waldschule baut stark auf der Naturpädagogik von

Joseph Cornell und Michael Kalff

auf.


Theorien von Joseph Cornell
- Die Kinder sollten nicht „müssen“, sondern dazu motiviert werden zu „wollen“.
- Sei ein motiviertes Vorbild im Wald (Cornell setzt auf Vorbildpädagogik)
- Lebe deine Begeisterung für den Wald.
- Spielerische Identifikation mit Pflanzen und Tieren sind wichtige Instrumente.

Er baut auf 4 Ebenen auf:
Begeisterung wecken
Konzentrierte Wahrnehmung
Unmittelbare Erfahrung
Anregung teilen


Theorien von Michael Kalff, auch er baut auf 4 Ebenen auf:

Erste Begegnungen mit der Natur, sinnliche Erfahrungen werden spielerisch gemacht.

- Kinder sollen eine Vertrautheit aufbauen können.
- Sie sollen die Angst zur vorerst unsicher scheinenden Umgebung „Wald“ verlieren.
- Die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen.
- Berührungsängste verlieren.
- Lehrperson muss dafür einen sicheren, selbstbewussten Eindruck machen.
- Kinder sollen wissen, dass sie sich in Schutzeinrichtungen zurückziehen können.
(Bsp. Waldsofa – bedeckt)

Beispiele zu solchen ersten Begegnungen

- sich auf den Waldboden legen, Augen schliessen und ihn riechen und spüren.
- sich in den Wind legen, ihn spüren (warm, kalt), riechen und hören.



Natur entdecken und kennen lernen

- Unsere Kinder interessieren sich heute mehr für Automarken als für Baumarten. Unsere Aufgabe ist es, den Kindern zu zeigen, dass ein Baum mehr PS als ein Porsche hat.
- Die Natur hat nicht nur mehr PS, sondern sie kann auch Spass machen und ebenso „vollgeil“ sein, wie ein starkes Auto oder der neuste Computer.

- Sobald das Interesse geweckt ist, kann Tieferes angegangen werden. Kennen lernen von Sachwissen zur Natur.


Vertiefte sinnliche Erfahrung

- Wir wollen uns auf die Natur einlassen.
- Wir wollen die Natur zu uns herein lassen. Die Natur in uns aufnehmen.

Ein Beispiel

- Schuhe ausziehen, Augen verbinden und alle zusammen an einem Seil als Karawane durch den Wald laufen. Wir spüren so den Wald ohne ihn zu sehen. Wir sehen ihn mit unseren Füssen.



Meditative Begegnung mit der Natur

- Grenzen zwischen Natur und Mensch spielerisch aufheben.
- Wir Menschen sind ein Teil der Natur, wir können keine Sekunde ohne Natur sein.
- Wir sind ein Teil der Erde, ein Teil der Natur und sie ist ein Teil von uns.




C) Lehrplanbezug

Die Waldschule arbeitet mit dem Lehrplan des Kantons St. Gallen. In Sprache und Mathematik werden auch dieselben Lehrmittel benutzt, welche wir in den „normalen“ Schulzimmern antreffen (Luege, Losä, Läse / Lesen durch schreiben / Zahlenbuch). Die Grobziele des Lehrplanes werden wohl auf Waldtauglichkeit umformuliert, deren Grundsätze und Hauptaussagen jedoch beibehalten.



D) Wer besucht die Waldschule?

Kinder ab 3 Jahren bis zur 2. Regelklasse werden im Wald betreut und unterrichtet. Es gibt die Waldspielgruppe, den Waldkindergarten und die Waldschule. Zurzeit wird das System der Basisstufe erprobt und durchgeführt. Bis zum Übertritt in die 3. Regelklasse besteht also die Möglichkeit in der Natur zu lernen und zu leben.



E) Wovon lebt die Waldschule?

Der Verein „Waldkinder St. Gallen“ besteht seit 1998 und wurde von Eltern und Fachpersonen gemeinsam aufgebaut.

Ziel ist es, den Kindern eine ganzheitliche und naturnahe Entwicklung zu ermöglichen.

Finanzierung der Waldkinder
Der Verein „Waldkinder St. Gallen“ ist ein privater Verein und wird nicht von der öffentlichen Hand getragen. Eltern- und Mitgliederbeiträge, Weiterbildungen und Marketingprodukte bilden das Fundament der Finanzen. Ergänzt durch Beiträge von Sponsoren und Gönnern kann die Bildungsinstitution weitergeführt und entwickelt wer
den.

G) Weitere Infos unter

www.waldkindergarten-sg.ch

www.waldschule-sg.ch

www.waldkinder-sg.ch

info@waldkindergarten-sg.ch

Waldkinder St. Gallen
Postfach
9004 St. Gallen

Telefon: 071 222 50 11
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